Episode III: Jerewan und Weltenbummler

Wir sind nun seit über einer Woche in Armenien. Im Gegensatz zu Georgien hat uns Armenien nicht ganz so freundlich empfangen. Die Einreise an der Grenze hat recht lange gedauert und es hat den ganzen Tag entweder geregnet und später auch geschneit. Und ja…die ersten 50 km nach der Grenze waren auch sehr spannend. Slalom fahren um tausende von Schlaglöchern und die Wohnsiedlungen an der Straße war weit weg von dem, was wir sonst gewohnt sind… da ist uns dann schon auch nochmal klar geworden, wie weit wir inzwischen von Zuhause weg sind und wo wir da mit unseren zwei kleinen Mädels eigentlich so sind. Die erste Nacht in Armenien war mit Minusgraden bitterkalt, sodass wir das Hochdach nicht aufstellen konnten und zu viert unten im Bus auf 1,10 m gestapelt schlafen mussten.

Weiter ging es über bessere Straßen aber immernoch mit kräftigem armenischem Regen in die Hauptstadt Jerewan. Und da kam sie dann endlich…die SONNE! Auf einmal frühlingshaftes Kurzarmwetter und wir waren sooo erleichtert. 
In Jerewan haben wir mitten im Zentrum im
Hinterhof einer Pension unsere Wilma parken und Dusche, Toilette und Waschmaschine nutzen dürfen. Wobei Pension hier eigentlich "Wohnung in einem alten Sowjet-Wohnblock" bedeutet.

Die Pensionswirtin Susann war total liebenswert und freundlich. Sie sprach etwas deutsch, da sie über viele Jahre eine Brieffreundin in der DDR hatte. Sie war so herzlich und gastfreundlich, dass wir sie unter Gelächter nur noch Oma Jerewan nannten. Paula hat mit ihr russisches Fernsehen geschaut und Süßigkeiten gegessen und wir saßen mit ihr in der Küche beim
Kaffee mit selbstgemachter Aprikosenmarmelade und redeten über den Krieg in Karabach, in dem ihr Ehemann früher gekämpft hat, den Ukrainekrieg, über dies und das und über das Leben. Es war ein richtig wohliges Gefühl einen so familiären Rückzugsort in der Stadt zu haben und wir haben Susann gleich ins Herz geschlossen.


Jerewan hat uns total überrascht. Alter Sowjetcharme trifft Moderne. Armenische Tradition meets Großstadt. Heruntergekommene Wohnblocks neben coolen Cafés. Alte Ladas neben Porsche. Alter Schuhputzer neben hippen Millenials. Uralte Kirchen neben Bürohochhäusern. Kunst und hervorragendes Essen an jeder Ecke… und wir mittendrin. 



Der imposante Berg Ararat an der Grenze zur Türkei:

Laut Oma Jerewan sind die Mieten und generell die Preise für alles im letzten Jahr extrem gestiegen, da seit dem Ukrainekrieg viele Russen dorthin geflüchtet sind. Und das merkt man wirklich. Es gibt zwar immer noch an manchen Ecken ein Brot oder die Busfahrt für ein paar armenische Dram, aber genauso die Cafés und Restaurants mit Preisen wie in Deutschland. Dass sich das viele Einheimische nicht leisten können, versteht sich von selbst. 

Ein weiterer Vorteil des schönen Wetters ist, dass wir Nora nun endlich draußen krabbeln lassen können. Denn nur auf dem Arm oder im Bett toben ist für sie natürlich auch nicht das Wahre. Und bisher bei Kälte, Nässe, Matsch, Scherben und Streunerhunden überall, ist es doch eher schwierig ihr die nötige Bewegung zu verschaffen. Aber klar, im Vergleich zur sauberen und sicheren Umgebung, die man so einem Krabbelkind zu Hause verschafft, ist man hier auch weit davon entfernt. Einer von uns ist eigentlich stets bei Nora abgestellt, um zu verhindern, dass sie von einem Hund beknabbert wird, Müll isst, mit Scherben spielt, von Treppen stürzt oder sich in den Exkremente von Schafen, Hunden oder Kühen wälzt. Das führt natürlich dazu, dass sich der/die andere um alles andere kümmern muss. Kochen, Spülen, hin und her räumen…und da wäre ja auch noch Paula. Wir sind also den ganzen Tag eigentlich nur am Tun und Machen. Aber wir machen es gerne, denn die Erlebnisse die wir haben und welches Lebensgefühl wir unsere Kindern dadurch spüren lassen können, tauschen wir gerne gegen faulenzen im Urlaub ein. 


Ein besonderer und auch für uns überraschend emotionaler Ort ist das auf einem Hügel oberhalb Jerewans gelegene Denkmal Zizernakaberd (dt. für "Schwalbenfestung") zum Gedenken der Opfer des Völkermords an den Armeniern 1915. Die Architektur, die Ruhe, die Musik, die niedergelegten Blumen - das war für uns sehr ergreifend und man spürt an diesem Ort regelrecht den bis heute andauernden Schmerz dieses Volkes.

Nach den 3 Wochen Power-Reise bis hierher, haben wir die nächsten 4 Nächte auf einem kleinen Campingplatz in der Nähe Jerewans verbracht. Paula konnte einem weit gereisten deutschen Mädchen, Zoe, eine große Freude machen, in dem sie ihr seit langem Mal wieder eine Spielkameradin sein konnte.


Wäschewaschen gehört auch auf Reisen dazu:

Paula steuert auch schon coole Bilder bei:

Nora macht riesen Schritte:

Von dort aus besichtigten wir den sehr friedlich dastehenden Tempel Garni, die ihm zu Fuße liegende Schlucht des Flusses Azat und das Kloster Geghard am Ende des Tales.



Auf dem Campingplatz konnten wir ordentlich Durchatmen, in einer richtigen Küche kochen, Duschen, alle Gas- und Wasserreserven auffüllen, im viel zu kalten Pool planschen und uns mit den wenigen anderen Reisenden zu dieser Jahreszeit austauschen. Dieser Campingplatz ist ein Hotspot für Langzeitreisende. Ein Treffpunkt aller, die von hier noch weiter reisen oder schon sehr lange unterwegs sind oder ihrer Fahrzeuge den Winter über untergestellt haben. 
Zwischen einem Motorradfahrer der Richtung Kirgistan startet, zwei Briten die mit dem Fahrrad gerade von Südafrika angefahren kommen und einer deutschen Familie, die aus Indien zurückkam, wirkt unsere Reise eigentlich nur wie ein Urlaub. Umso schöner für uns zu merken, dass das einfach völlig okay ist und wir gar nicht das Bedürfnis haben, jahrelang um die Welt zu reisen. Vielleicht irgendwann mal, wer weiß…aber momentan finden wir die Kombination von immer mal wieder ein paar Wochen oder Monate zu verreisen und einem ausgefüllten und spannenden Leben in Deutschland genau passend für uns. Fernweh und Heimatliebe im
Gleichgewicht sozusagen. Welch ein Privileg.

In diesem Sinne schicken wir euch virtuell ein paar Sonnenstrahlen ins kalte Mitteleuropa!